Impuls zu Ostern

Als die Frauen am Ostermorgen ratlos vor dem leeren Grab Jesu standen, traten – so hören wir im Evangelium – plötzlich zwei Männer in leuchtend weißen Gewändern zu ihnen.

 Weiß ist an diesem Fest auch das Messgewand des Priesters, weiß sind die Gewänder der Neugetauften, weiß ist die Osterkerze, weiß das einjährige, fehlerfreie Lamm, das die Israeliten in dieser Nacht aßen. Weiß trägt den Charakter der Freude und der Festlichkeit. Weiß ist das Sinnbild für Reinheit und Unschuld, für Herrlichkeit und Sieg. Weiß ist die Farbe des ungebrochenen Lichtes. Weiß also ist die Farbe von Ostern.

Die Farbenlehre der Physik aber lehrt uns: Weiß ist nicht bloß weiß. Weiß ist vielmehr die Mischung und die Summe allen farbigen Lichtes. Und deshalb dürfen wir davon ausgehen, dass auch das strahlende Weiß des Festes, an dem das Leben Jesu seine Vollkommenheit und Vollendung findet, ein Licht ist, das sich aus einer Vielfalt leuchtender Farben zusammensetzt, die alle mit einfließen in diese heilige Nacht.

Gelb zum Beispiel ist die Farbe der Sonne und des Goldes, der Würde und der Majestät. Der Auferstandene wird seit frühester Zeit als Sonne der Gerechtigkeit verehrt. Im Alten Testament, im Buch des Hohenliedes, heißt es im Hinblick auf den kommenden Erlöser: „Sein Haupt ist reines Gold“. Und im selben Kirchenlied, in dem wir singen: „Deines Glanzes Herrlichkeit übertrifft die Sonne weit. Du allein, Jesu mein, bist, was tausend Sonnen sein“, da wird Christus bezeichnet als ein „güldnes Seelenlicht“. Gelb strahlt Wärme aus, die Wärme, die von Jesus ausging, als er umherzog, Kranke heilte, die frohe Botschaft verkündete und uns die Goldene Regel gab: „Alles, was ihr wollt, dass die anderen euch tun, das tut auch ihnen“. Gelb ist die Farbe der Freude und des Glücks. Freu dich, erlöste Christenschar, singen wir in diesen Tagen, freu dich und singe.

Aber auch rot strahlt das Licht des Osterfestes. Rot sind nicht nur die verklärten Wundmale des Herrn und das Blut, das er für uns vergossen hat. Rot ist auch das Feuer seiner Liebe, aus der er für uns gehorsam geworden ist bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Rot ist die Farbe der Kraft und der Frische und deutet so hin auf die göttliche Macht, mit der der Gekreuzigte den Tod überwunden und uns neues Leben geschenkt hat. Rot ist in der Bibel auch die Farbe der Sünde. Aber Christus hat unsere Sünden auf sich genommen und spricht uns frei von unserer Schuld. Wären eure Sünden auch rot wie Scharlach, heißt es deshalb beim Propheten Jesaja, sie sollen weiß werden wie Schnee. Wären sie rot wie Purpur, sie sollen weiß werden wie Wolle“. Rot ist nicht zuletzt die Farbe von Pfingsten, die Farbe des Heiligen Geistes, den der Auferstandene uns vor seiner Auffahrt in den Himmel verheißen hat und den er ausgegossen hat über uns.

Auch die blaue Farbe fließt ein in die Feier des Osterfestes Blau ist unser Planet, blau ist die Farbe des Himmels. O wahrhaft selige Nacht, so heißt es im feierlichen Osterlob, o wahrhaft selige Nacht, die Himmel und Erde versöhnt, die Gott und Menschen verbindet. Blau ist die Farbe des Wassers. Im Wasser der Taufe, das in dieser Nacht geweiht wird, wird die Sünde von uns abgewaschen. Blau ist auch die Farbe der Dauer, der Festigkeit und der Treue. Treu ist Gott, schreibt der Apostel Paulus einmal, durch den ihr berufen worden seid zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn. Und auch wir bekennen uns an Ostern wieder zur Treue im Glauben, wenn wir das Lied singen und miteinander bekennen: „Fest soll mein Taufbund immer stehen, ich will dem Herrn gehören. Er soll mich allzeit gläubig sehen, gehorsam seinen Lehren“. Blau gilt schließlich als Farbe der Muttergottes, der Himmelskönigin, die in der Offenbarung des Johannes beschrieben wird mit der Sonne umkleidet, mit dem Mond zu ihren Füßen und mit einem Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.

Das strahlende Licht von Ostern enthält freilich auch manches Grün. Denn grün ist die Farbe des Lebens und der Hoffnung. Wie die Natur jedes Jahr um diese Zeit zu neuem Leben erwacht, so erwarten auch wir durch die Botschaft dieser Nacht voll Zuversicht das neue Leben nach dem Tod. „Wir schauen auf zu Jesus Christ, zu ihm, der unsre Hoffnung ist. Der Herr erstand in Gottes Macht, hat neues Leben uns gebracht“. Und in einem anderen Lied singen wir: „Glaube, dass Jesus vom Grabe dich hebt. Jesus, dein Heiland, ist Sieger und lebt“. Menschen, die klinisch tot waren und wieder ins irdische Leben zurückkehrten, erzählen immer wieder von einem langen dunklen Gang, den sie durchschreiten mussten, und von einem überhellen, strahlenden und warmen Licht, das sie am Ende dieses Ganges empfangen hat. Eine Zahnärztin aus Kolumbien, die 1995 mit 36 Jahren vom Blitz getroffen wurde und später über ihre Erlebnisse an der Schwelle zum Jenseits berichtet hat, schreibt unter anderem: „Während mein Körper verkohlt da lag, befand sich meine Seele in einem wunderbaren weißen Tunnel. Es war ein weißes Licht um mich herum, ein unbeschreibbares Licht, das in mir eine solche Wonne auslöste, einen solchen Frieden, ein solches Glück. In diesem Licht bewegte ich mich vorwärts. Als ich aufschaute, sah ich am Ende dieses Tunnels so etwas wie eine weiße Sonne, ein weißes Licht. Ich sage ,weiß’, nur um eine Farbe zu nennen, denn die Farbe des Lichtes und seine Helligkeit war unbeschreiblich, sie war mit nichts zu vergleichen, was es auf dieser Welt an Farben gibt“.

„Christus ist auferstanden“, erinnert Adolph Kolping. „In dieser Wahrheit fließen alle übrigen Wahrheiten wie die Strahlen eines Tages in der Sonne zusammen, aus ihr erhalten alle Licht, Leben und Bedeutung, sie löst alle Rätsel, beantwortet im letzten Grunde alle Fragen, die der Mensch über Ziel und Zweck seines Daseins auf Erden aufwerfen mag. Diese Wahrheit hebt den Schleier von unserer eigenen Zukunft und zeigt uns in derselben unsere eigenste Bestimmung“ (KS 9, S. 264 f.).

Msgr. Dr. Stefan Killermann
Diözesanpräses

 

17.04.2022