Gelebte Erinnerungskultur - Exkursion ins Dokuzentrum Nürnberg
Pünktlich um 8.50 Uhr trafen wir, 14 Teilnehmer eines Orientierungskurses (Modul 7 des Integrationskurses: Politik/ Geschichte/ Gesellschaft) des KBZ Roth aus Syrien, der Türkei, Venezuela und der Ukraine, samt Lehrkraft, uns am Bahnhof Roth, mit dem Ziel: Dokuzentrum Nürnberg. (Foto 1)
Für unsere im Curriculum vorgesehene Abschlussexkursion hatte das Dokuzentrum das Rennen gegen die Kaiserburg Nürnberg per demokratischen Mehrheitsbeschluss knapp gewonnen, was gut passte, da das Thema „Nationalsozialismus“ bereits im Unterricht durchgenommen worden war.
Die Hürde des gemeinsamen Startes war also genommen, so dass wir trotz Zugverspätung noch rechtzeitig zu unserer Führung um 10 Uhr im Dokuzentrum eintrafen.
Bereits am Bahnhof, im Zug und der Straßenbahn konnten wir uns untereinander in verschiedenen Kombinationen über die Erwartungen an den Ausflug, die Zukunft nach dem Deutschkurs und vieles mehr austauschen.
Vorm Dokuzentrum angelangt, konnten wir gerade noch ein Gruppenfoto schießen (Foto 2), schon wurden wir von unserer Führerin Frau Braun vom Verein „Geschichte für alle“ in Empfang genommen.
Diese führte uns zunächst in einen eigens für uns reservierten Raum mit toller Aussicht auf den Dutzendteich und die Stadt Nürnberg.
Hier wurden wir anhand eines sehr anschaulichen Vortrages mit zahlreichen Fotos und Videoausschnitten über die Rolle Nürnbergs als Stadt der NSDAP-Reichsparteitage (1933-1938) aufgeklärt.
Im Dialog mit den TN stellte Frau Braun heraus, dass es sich dabei nicht etwa um einen Parteitag im demokratischen Sinne, sondern vor allem um ein Instrument zur Machtdemonstration und Einschüchterung der Bevölkerung durch Adolf Hitler und die Nationalsozialisten handelte.
Hitlers Größenwahn wurde auf dem Gelände am Dutzendteich durch den Architekten Albert Speer „übersetzt“: Er drückt sich in gigantomanischen, großteils unvollendeten Bauten wie z.B. dem Zeppelinfeld, der „Großen Straße“, sowie der Kongresshalle, aus. Besonders beeindrucht waren die Kursteilnehmer davon, dass die Kongresshalle, in deren nördlichem Kopfbau wir uns befanden, eigentlich fast doppelt so hoch (70 Meter) wie aktuell hätte werden sollen. Durch den Beginn des 2. Weltkrieges, also Hitlers Angriff auf Polen kurz vor dem eigentlich für 1939 noch geplanten angeblichen „Parteitag des Friedens“, blieben die Bauten jedoch unvollendet.
Dass die Nationalsozialisten auf dem Zeppelinfeld nicht nur einschüchterten, sondern auch die Massen begeisterten, wurde besonders im Filmausschnitt von Leni Riefenstahl, einem Propagandafilm über den Parteitag 1934, deutlich: Rund eine Million Teilnehmer (von der Hitlerjugend bis zur Wehrmacht) und Zuschauer besuchten jährlich den Reichsparteitag.
Hier wurde 1935 auch das abscheulichste Gesetz des „Dritten Reiches“, die Nürnberger Rassengesetze, beschlossen, welche die massive Verfolgung der jüdischen Bevölkerung sowie die Ermordung von 6 Millionen Juden zur Folge hatte bzw. pseudo-wissenschaftlich legitimieren wollte.
Die zentrale Frage, welche uns bereits im Kurs beschäftigte, wurde von einem TN auch an Frau Braun gerichtet: „Warum die Juden“?
Auch diese konnte nur annäherungsweise versuchen, den Gründen auf die Spur zu kommen: Neid auf die oft wohlhabende, da gebildete jüdische Gesellschaft, war wohl ein wichtiger Faktor: Es wurde ein Sündenbock während der miserablen wirtschaftlichen Lage gegen Ende der Weimarer Republik gesucht. Systematische Ausgrenzung zur Stärkung der Gemeinschaft war wohl ein weiterer Faktor. Die Frage, warum so viele Menschen dabei mitmachten bzw. die Augen verschlossen, konnte einerseits durch die Faszination der Bevölkerung während der Hitlerreden und Aufmärsche auf dem Zeppelinfeld (Hitlerjugend/ SS/ SA mit Waffenarsenalien) sowie ihre Einschüchterung dadurch und natürlich die wirtschaftliche Not mit der Hoffnung auf Besserung durch einen kaiserähnlichen „Führer“ erklärt werden.
Nach dem Vortrag erkundeten wir die Interimsausstellung auf eigene Faust, wobei Frau Braun uns weiterhin begleitete und für Fragen/ Gespräche zur Verfügung stand.
Die Ausstellung ist in vier Zeiträume aufgeteilt: Weimarer Republik/ Machtergreifung und Nazi-Diktatur/ 2. Weltkrieg/ Nachkriegszeit bis heute (Foto 3).
Besonders fasziniert waren viele TN von einer original Preisliste sowie Geldscheinen der Weimarer Republik (Foto 4), anhand derer die unglaubliche Inflation während der Wirtschaftskrise deutlich wurde.
Erschüttert waren einige Teilnehmerinnen unter anderem durch Fotos, welche Zwangsarbeiter/-innen im Steinbruch des Konzentrationslagers Flossenbürg bei der Bearbeitung der Granitsteine für die Monumentalbauten des Reichsparteitagsgeländes zeigte.
Zuletzt durften wir uns auf der Besuchertribüne noch einen Gesamtüberblick über die Kongresshalle verschaffen, welche aktuell im südlichen Kopfbau durch die Nürnberger Symphoniker genutzt wird, und in deren „Hof“ bereits der Rohbau für die Interimslösung des Opernhauses während dessen Renovierung zu sehen ist. Im Rundbau sollen außerdem Ateliers und Proberäume für Kulturschaffende entstehen.
Diese kreativen Nutzungsmöglichkeiten, welche aufgrund unserer Erinnerungskultur stark umstritten sind, kamen bei den Lernenden gut an.
Überhaupt bedankten sich am Schluss alle begeistert bei Frau Braun, die sich sprachlich sehr spontan auf die Deutschlernenden einstellte, sie durch Fragen aktiv einbezog und ihre Beiträge immer wieder geschickt aufgriff, für den Vortrag.
Nach über zwei Stunden hautnah erlebter Geschichte knurrte allen der Magen, so dass unsere Exkursion in einer bekannten Fastfood-Kette am Nürnberger Hauptbahnhof mit angeregtem Austausch über das Erlebte und Kommende endete.
18.11.2025, Brigitte Buchner (Integrationskurs KBZ Roth)




